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"Purim, Purim, ihr liebe Leut, wißt ihr was Purim bedeut?"

Jüdisches Leben im alten Landkreis Marburg im 20. Jahrhundert

Ulrich Schütt

Über das Leben von Juden im 20. Jahrhundert war vor zehn Jahren wenig bekannt, was über die Verfolgung und ihr Schicksal im Nationalsozialismus hinausging. Insbesondere das Leben von Juden auf dem Lande und ihre Verfolgung im Nationalsozialismus war ein schwarzer Fleck in der Geschichtsschreibung.

Juden, die diese Verfolgung überlebt hatten, äußerten immer wieder, wie sehr es ihnen am Herzen liegt, daß das von ihnen erlittene Unrecht dokumentiert wird. Sie wollten etwas in den Händen halten können, etwas was dem Vergessen entgegenarbeitet und damit auch eine Anerkennung ihrer Leiden ausdrückt.

Bei den Besuchswochen für jüdische Bürger, die hier im Raum Marburg aufgewachsen waren und dann im Zusammenhang mit dem Projekt "Vergessene Geschäfte - Verlorene Geschichte" hatten wir auch Juden kennengelernt, die auf den Dörfern um Marburg aufgewachsen waren. Das Marburger Land war die Stätte ihrer Kindheit, oft auch Jugend und manchmal auch ihres Lebens als junge Erwachsene - eine Heimat, die ihnen unwiederbringlich genommen worden war.

Daß diese Heimat, das dörfliche Nebeneinander von zwei Religionen und Kulturen, noch bis vor sechsundsechzig Jahren mit all seinen kleinen Konflikten normal war, schien völlig vergessen. Nicht erst mit dem Zuzug von ausländischen Arbeitnehmern kamen kulturelle Konflikte in die Dörfer, sie waren auch früher dort ausgetragen worden. Und es hatte dort eine wenn auch brüchige Akzeptanz des anderen gegeben, die allerdings ab 1933 als nicht tragfähig erwies. Den Schritt zur aktiven Solidarität und Unterstützung der bedrängten und ausgegrenzten jüdischen Dorfbewohner haben nur wenige gewagt.

Das Schweigen der Menschen zu diesem Thema läßt bei Menschen, die die Zeit nicht mehr erlebt haben, leicht den Eindruck aufkommen, als hätten auf den Dörfern niemals Menschen jüdischen Glaubens gelebt.

Wie sah jüdisches Leben am Anfang des Jahrhunderts aus dem Lande aus? Welche Rolle spielte dort die Religion? Wie hatten sie mit ihren christlichen Nachbarn zusammengelebt? Wie veränderten sich diese Beziehungen durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten?

Diesen Fragen nachzugehen, schien es uns Ende der achtziger Jahre ganz dringend. Die Zeit drängte. In wenigen Jahren würde kaum noch jemand in der Lage sein, Erinnerungen aus dieser Zeit zu schildern. Wir beschlossen, ein Oral-History Projekt zu beginnen, in dem wir Gespräche mit jüdischen Überlebenden und nichtjüdischen Dorfbewohnern zu dieser Thematik führen.

Vor zehn Jahren war es noch relativ einfach, Menschen zu finden, die darüber erzählen können. Aber die Zeit drängte. Barbara Händler-Lachmann und ich konnten zahlreiche Gespräche führen, die uns die untergegangene Welt des christlich-jüdischen Nebeneinanders auftaten.

Möglich wurde dieses Projekt 1989 durch Unterstützung des Landkreises Marburg-Biedenkopf, der unsere Arbeit für ein Jahr und später bei den Druckkosten bezuschußte. Daß wir mehr als fünf Jahre zu diesem Thema forschen würden, haben wir uns damals nicht träumen lassen.

1933 lebten in dreißig Orten des Landkreises ca. 850 jüdische Frauen, Männer und Kinder. Ihre Spuren verlieren sich nicht einfach irgendwo. Die jüdischen Nachbarn sind nicht bloß "weggemacht", wie es manche der auf den Dörfern Befragten mitunter ausdrückten. In einer großen Zahl der Fälle sind die Stationen ihres Lebens rekonstruierbar.

Eine hilfreiche Basis bei unseren Forschungen bildete der erhaltene Aktenbestand des Landkreises. Die nach 1933 immer wieder im Zusammenhang der Verfolgung angefertigten Listen jüdischer Bewohner enthielten biographische Details, die uns ermöglichten in Gesprächen konkret nach einzelnen Personen und manchmal auch nach Ereignissen zu fragen. So schlossen sich manchmal nach weniger aufschlußreichen Gesprächsphasen plötzlich vorher gar nicht greifbare Erinnerung auf. Mit vielen Gesprächspartnern sprachen wir zweimal, weil die ersten Gespräche Anstoß zu einer Auseinandersetzung mit der Thematik waren, wie sie viele jahrzehntelang nicht mehr geführt hatten.

Die Fülle der gefundenen biographischen Informationen aus den Gesprächen und den Akten der Täterbiographie veranlasste uns, zusätzlich ein Gedenkbuch zusammenzustellen, in dem jeder Person ein kurzer Artikel gewidmet wird, der, wenn immer dies möglich war, durch ein Bild ergänzt wird. Unser Anliegen war, den verfolgten Juden nicht nur ihre Namen, sondern auch ihre Gesichter wiederzugeben und sie nach ihrer Familienzugehörigkeit zu gruppieren. Alphabetische Namenslisten, versehen mit Geburts- und Sterbedatum hat es zur NS-Zeit zur Genüge gegeben. Jegliche wenn auch nur äußerliche Nähe zu solchen Listen sollte bewußt vermieden werden. Das Buch soll denjenigen, die direkt betroffen sind, also jüdischen Überlebenden und deren Nachkommen sowie Dorfbewohnern, auf jeder Seite Anstoß zur Erinnerung sein.

Diese 245-seitige Dokumentation "‚unbekannt verzogen' oder ‚weggemacht'. Schicksale der Juden im alten Landkreis Marburg 1933-1945" nahm viel Zeit in Anspruch, zumal sich einzelne Informationen öfters widersprachen, was zu aufwendigen Recherchen führte. Auch haben wir die zahlreichen Fotos selbst gescannt und bearbeitet, ein damals noch unerprobtes Verfahren, um die Kosten für die Lithographien zu sparen. Schließlich erschien die Dokumentation 1992, im dritten Jahr unserer Arbeit. Ohne Harald Händler hätten wir dieses Buch so nicht erscheinen lassen könne.

Die Fertigstellung unseres eigentlichen Hauptwerkes, das Leben und Verfolgung möglichst plastisch schildern sollte, verschob sich dadurch zwangsläufig. Alle Gespräche wurden vollständig transkribiert sowie u.a. alle in Wiesbaden im Justizministerien befindlichen Entschädigungsakten zu jüdischen Bewohnern des alten Landkreises gesichtet, was uns besonders auch Einblicke in den zynischen Umgang der bundesrepublikanischen Bürokratie mit den Entschädigungsansprüchen von Überlebenden gewährte.

Nachdem wir in einigen Artikeln (u.a. in den Jahrbüchern des Landkreises) einzelne Personen in ihrem Umfeld dargestellt hatten, entschlossen wir uns für die Gesamtdarstellung für eine thematische Gliederung: Das Leben in der Dorfgemeinschaft, das Berufsleben, religiöses Leben, Verfolgung, Auswanderung, Deportation und die Situation nach dem Krieg wurden die Kategorien, denen wir einzelne Interviewabschnitte zuordneten. Um die Darstellung möglichst plastisch zu gestalten, wurde so weit wie möglich auf Originalquellen zurückgegriffen und den Überlebenden das Wort gegeben.

Schließlich mußte, um das Buch in einem lesbaren und bezahlbaren Umfang zu halten, noch kräftig gekürzt werden. Wir erhielten dabei tatkräftige inhaltliche Unterstützung von Harald Händler.

"Purim, Purim, ihr liebe Leut, wißt ihr was Purim bedeut?" zeigt, daß Juden im dörflichen Leben bis zur Zeit des Nationalsozialismus eine bedeutende Rolle spielten. Es war für die Nationalsozialisten anfangs nicht einfach, die Handelsbeziehungen zwischen Bauern und ihren jüdischen Viehhändlern zu verhindern. Aber die Anhänger des Nationalsozialismus und dessen Mitläufer dominierten zunehmend das dörfliche Leben. Die wirtschaftliche Existenz der jüdischen Bevölkerung wurde zerstört. Verarmt und isoliert lebten sie in ständiger Angst. Wem die immer schwieriger werdende Auswanderung nicht mehr gelang, der wurde in die Ghettos deportiert und in Vernichtungslager gebracht. Nur wenige überlebten.

Im Dezember 1994 habe ich das Buch der Öffentlichkeit vorgestellt - Barbara war wegen ihres Krebsleidens in der Klinik. Im April 1995 wurde es noch einmal feierlich im Beisein von mehreren jüdischen Überlebenden im Schloß Rauischholzhausen präsentiert. Diese Publikationen bildeten die Basis für viele Auseinandersetzungen mit der Geschichte vor Ort: in Lesungen in den einzelnen Orten und in Schulen, bei der Frage nach baulichen Überresten wie z.B. der Synagogen in Wohratal und in Roth. Viele jüdische Überlebende haben die beiden Bücher in alle Welt getragen.

 

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