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Stolpersteine - Steine gegen das Vergessen

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Familie Lion


Für Franziska Lion geb. Baer, Karl Lion und Fanny Lion.

Das Haus in der Haspelstraße 17

Das Haus in der Haspelstraße 17. Fotos: Wagner

Die Steine wurden verlegt am 11.02.2009,
die Nachverlegung des Steins für Franziska Lion geb. Baer erfolgte am 18.10.2018.

HIER WOHNTE
FRANZISKA LION
GEB. BAER
JG. 1902
DEPORTIERT 1941
RIGA
1944 STUTTHOF
ERMORDET

HIER WOHNTE
KARL LION
JG. 1881
DEPORTIERT 1941
ERMORDET

HIER WOHNTE
FANNY LION
GEB. STERN
JG. 1853
TOT 12.7.1941

Das Ehepaar Zadock und Fanny Lion geb. Stern lebte in der Haspelstraße 17. Fanny Lion geb. Stern ist am 09.07.1853 in Ockershausen geboren. Ihre Eltern, Manus Stern und Malchen Lucas, stammen aus alteingesessenen Familien in Ockershausen und Marburg. Ihr Ehemann Zadock Lion stammte aus Roßdorf und war bis zu seinem Tod 1919 Likör- und Essigfabrikant und handelte mit Branntwein. Die Familie hatte guten Kontakt zu der benachbarten Bäcker- und Konditorfamilie Klingelhöfer, so deren Aussage.

Das Ehepaar Lion hatte drei Söhne, jedoch nur Karl Lion, geboren am 20. Dezember 1881 in Marburg, erreichte das Erwachsenenalter. Seine Brüder Julius und Paul waren wenige Tage nacheinander, am 9. und 13. Oktober 1892 mit zwölf beziehungsweise sechs Jahren gestorben. Für sie und ihren Vater gibt es Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof in Marburg.

   

links: Die Grabsteine für die als Kinder 1892 gestorbenen Söhne des Zadock Lion und
rechts der Grabstein von Zadock Lion auf dem Marburger jüdischen Friedhof.
Fotos: Andreas Schmidt

Fanny Lion lebte nach dem Tod des Ehemannes mit ihrem Sohn Karl Lion bis zu ihrem Tod in der Haspelstraße 17.

Seit 1913 hatten die Lions zusätzlich zu der Likör- und Essigherstellung ein Immobiliengeschäft, das wahrscheinlich von Sohn Karl Lion geführt wurde. In der NS-Zeit war ihm die Ausübung des Berufes spätestens ab 1938 verboten.

Am 2. November 1939 kam Franziska Baer als "Stütze" nach Marburg in die Haspelstraße 17. Karl Lion, geboren am 20. Dezember 1881 und Franziska Baer heirateten, Datum und Ort der Eheschließung konnten bisher noch nicht festgestellt werden. Sicher unterstützte sie Karl Lion bei der Pflege seiner alten Mutter.

Fanny Lion starb am 12. Juli 1941 in Marburg an Alters-Herzschwäche kurz nach ihrem 88. Geburtstag. Sie erhielt im Jahr 1941 auf dem jüdischen Friedhof keinen Grabstein mehr. Sie wäre - wie alle zu dieser Zeit in Marburg lebenden Juden - unweigerlich am 6. September 1942 nach Theresienstadt verschleppt worden. Daher wurde auch für sie ein Stolperstein gesetzt

.

Ausschnitt aus der Sterbebeurkundung der Fanny Lion mit Angaben zur Todesursache.
Sterbebuch Standesamt Marburg Nr. 516/1941,
https://www.lagis-hessen.de, Hessische Geburten-, Ehe-, Sterberegister, Stand 2018

Das Ehepaar Karl und Franziska Lion wurde über Kassel am 9. Dezember 1941 nach Riga deportiert. Karl Lion wurde wohl in Riga ermordet. Über sein Schicksal ist nichts Näheres bekannt. Franziska Baer wurde 1944 nach Stutthof verschleppt und wahrscheinlich dort ermordet.

Karl und Franziska Lion stehen auf der Deprotationsliste nach Riga.

http://www.statistik-des-holocaust.de/, Stand 2016

Bereits 2009 waren für Fanny Lion und Karl Lion vor ihrem Wohnhaus in der Haspelstraße 17 Stolpersteine gesetzt worden. Der Stolperstein für Franziska Lion geb. Baer wurde erst 2018 gesetzt, da die Familienverhältnisse erst nach der Verlegung von 2009 abschließend geklärt werden konnten.

Die Familie der Franziska Lion geb. Baer

Franziska Baer, am 12. September 1902 in Stockheim geboren, war eine der sieben Kinder von Max Salomon Baer (aus Nümbrecht) und Kätchen geb. Halberstadt aus Stockheim. Die Familie zog 1912 nach Gießen in die Walltorstraße 38. Franziska Baer war von Beruf "Abteilungsleiterin" und meldete sich am 15. Januar 1930 aus Limburg kommend wieder in Gießen an und wohnte in der Walltorstraße 38 bei ihrem Vater. Ihre Mutter war bereits am 30. März 1920 gestorben. Im März 1939 zog Franziska Baer mit ihrem Vater in die Walltorstraße 42. Im Mai 1939 wird sie als "Stütze" (Haushälterin oder Hausgehilfin) in der Ludwigstraße 14 in Gießen genannt.

Ihr Vater Max Salomon Baer überlebte das Ghetto Theresienstadt und starb mit 89 Jahren 1953 in Gießen. Er wurde auf den dortigen Friedhof beigesetzt. Ihre Brüder Leopold und Hermann Baer starben im Ersten Weltkrieg. Ihre Schwestern Hedwig, Ottilie, Rosa und Karola wurden mit ihren Familien ermordet. Für Hedwig verheiratete Brandus und ihren Sohn gibt es in Gießen in der Weidengasse 18 Stolpersteine, für die Nichte Rosa Irmgard Baer liegt ein Stolperstein vor der Ricarda-Huch-Schule in Gießen.

Quelle: Hanno Müller, Juden in Gießen 1788-1942 (2012)

Das Foto schickte der Bruder von Franziska Lion, Leopold Baer, als Karte an seinen Vater. Leopold Baer befand sich in französischer Kriegsgefangenschaft in Chalons sur Marne, heute Chalons-en-Champagne. Er starb 1920 in Kriegsgefangenschaft.

Foto aus: Hanno Müller, Juden in Gießen 1788-1942 (2012) Abb. 80

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